Single sein ist Mainstream

Vor einigen Jahren noch haben sich viele Menschen nicht besonders wohl dabei gefühlt, alleine unterwegs zu sein. Alleine im Kino, alleine im Restaurant - das sind klassische Beispiele für Situationen gewesen, in denen man entweder das Mitleid anderer Menschen auf sich gezogen hat oder in denen man das zumindest so empfunden hat. Das ist heute ein wenig anders geworden. Die Zahl der Singlehaushalte in Deutschland ist in den letzten 20, 30 Jahren immer weiter gestiegen und in anderen Ländern sieht das ähnlich aus. Es ist normal geworden, allein unterwegs zu sein und komische Blicke braucht heute niemand mehr zu fürchten.

Zu dieser Entwicklung hat einerseits natürlich die wachsende Zahl der Singles beigetragen, andererseits aber auch ein deutlich veränderter Umgang der Gesellschaft mit Themen wie Partnerschaft, Sexualität und individuellen Lebensentwürfen.

Eine offenere Gesellschaft, die viel mehr Dinge als normal empfindet

Das heißt natürlich nicht, dass Singles heute glücklicher mit ihrer Lage sind als früher. Die allermeisten Betroffenen wünschen sich nach wie vor einen Partner an ihrer Seite, mit dem man den Alltag teilen und Emotionen gemeinsam erleben kann. Weggefallen ist aber die früher durchaus verbreitete, gesellschaftliche Randstellung von Singles. Das wiederum ist zu einem großen Teil der Tatsache zu verdanken, dass die Akzeptanz der meisten Menschen für ein Leben außerhalb des üblichen Mann-Frau-Kind-Schemas merklich gewachsen ist. In den meisten Fällen sieht heute niemand mehr zweimal hin, wenn man ein gleichgeschlechtliches Paar trifft - auch wenn es in dieser Hinsicht durchaus noch Ausnahmen gibt - und auch die Frage der Findung sexueller Identität ist dank medialer Begleitung heute kein Tabuthema mehr.

Zu dieser neuen Selbstverständlichkeit im Umgang mit Themen wie Partnerschaft und Sexualität gehört auch, dass man im Fernsehen jetzt Werbung für Vibratoren sehen kann und dass eine ehemals eher verschämt betrachtete Marke wie Playboy inzwischen zu einer Lifestyle-Marke geworden ist, die in verschiedenen Themenfeldern vom Parfum bis zum Onlinecasino vertreten ist.

Ist die neue Sexualität nur aufgesetzt?

Es ist keine Frage, dass Themen aus dem Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen - in welcher Spielart auch immer - heute gesellschaftsfähiger sind als in früheren Zeiten. Plötzlich sind zum Beispiel Apps für die schnelle, unkomplizierte Begegnung zwischendurch in aller Munde. Auf der anderen Seite aber erfreuen sich Börsen, in denen feste Partner vermittelt werden, eines ungebremsten Zulaufs. Man darf also wohl trotz allem davon ausgehen, dass sich die meisten Singles noch immer eine feste Beziehung wünschen, ganz nach dem alten Schema. Nur hat das wohl heute nicht mehr in erster Linie etwas mit dem gesellschaftlichen Ansehen oder dem Gefühl der Ausgrenzung zu tun, sondern hauptsächlich mit der Sehnsucht nach gemeinsamen Erlebnissen, Momenten und Erinnerungen und tatsächlich auch mit der Hoffnung, eine Familie zu gründen.

Diese Hoffnungen und Sehnsüchte wiederum sind ziemlich genau dieselben, die die Menschen schon vor Jahrzehnten angetrieben haben. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass so etwas allenfalls in den Kleinanzeigen der Tageszeitungen thematisiert wurde und nicht wie heute im Internet. Letzten Endes ist der ganze Themenbereich also vielleicht offener geworden, im Grunde aber derselbe geblieben.[].